MIT-Live „Deutscher Mittelstand und Geschäftsaussichten in Asien“

Datum des Artikels 11.02.2021
Basis aktuell

Deutsche Mittelständler haben ihr Asien-Geschäft in den letzten Jahren signifikant erweitert und das Interesse ist ungebrochen – zurzeit besonders aufgrund robuster Nachfrage aus China. Der China-USA-Konflikt hat aber zu einer Neubewertung von Chancen und Herausforderungen in Asien geführt.

Auch politische Restriktionen, kulturelle Gepflogenheiten und hierarchische Strukturen sind dabei unverzichtbar zu verstehen, zu berücksichtigen und zu respektieren. Herr Dr. Stefan Tetzlaff, Historiker, Politik- und Regionalwissenschaftler, führte in das Thema ein und leitete die anschließende Podiumsdiskussion. Asien, und hier voran China und Indien, aber z.B. auch Vietnam sind schnell wachsende und sich entwickelnde Wirtschaftsräume, in denen der „deutsche Bürokratismus“ oftmals zur Entwicklungsbremse mutiert. Zeitgleich erhöht sich dort sowohl die Qualität der Produkte, wie auch die Fertigungsverfahren – good old „Made in Germany“ riskiert dabei nach hinten zu rutschen. Teilweise werden sogar die in China deutlich preisgünstiger gefertigte Waren vorrangig verlangt, da die Qualität mittlerweile nicht mehr zwangsläufig schlechter sein muss. Lt. Prognosen wird es 2050 etwa 10 Mrd. Menschen auf der Welt geben, davon werden ca. 7 Mrd. in Asien und Afrika leben, damit bleiben gerade mal 3 Mrd. in den heute von uns angestammten Märkten Europa und Amerika. Damit werden der Focus und die Trends, die heute aus dem Westen vorgegeben werden, zukünftig vom Osten bestimmt. Diese Entwicklung führt unweigerlich zu einer höheren wie auch bedrohlicheren „Konkurrenz“. Ein Fazit hieraus ist die Notwendigkeit im asiatischen Markt vor Ort aktiv zu werden. Wie Herr Helsper, Abteilungsleiter Deutsche Wirtschaft bei der DEG, einer 100 % Tochter der KfW darstellte, begleitet und fördert die DEG vor Allem die deutsche Privatwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dabei sieht Herr Helsper den deutschen Mittelstand in Asien bereits vertreten, während Afrika hier noch größere Entwicklungspotentiale vorsieht. In den meisten Fällen beginnt der Prozess mit einer Machbarkeits-/Marktstudie, die von der DEG bezuschusst wird. Die DEG geht im Weiteren „zusammen“ mit den Mittelständlern in die jeweiligen Zielmärkte, um dort vor Ort Finanzierungsmöglichkeiten auszuloten. Darin unterscheidet sich die Vorgehensweise von den in Deutschland ansässigen Geschäftsbanken. Darüber hinaus berät die DEG auch im Aufbau, wie zum Beispiel beim Vorgehen zur Personalbeschaffung von Fachkräften vor Ort, wofür in immer mehr Ländern deutschsprachige „German Desk“ der DEG vor Ort eingerichtet werden. Herr Festge findet es enorm wichtig, dass die deutsche Wirtschaftspolitik ebenfalls bei der Finanzierung ausländischer Absatzmärkte deutscher Anbieter tätig werden muss. Er sei es inzwischen leid, in Afrika auf großen Werbebannern zu lesen, dass die Chinesen den Kunden den Kauf ihrer Waren finanzieren. Herr Markus Hatzfeld, Geschäftsführer der MHC GmbH, hat viele Jahre in China Unternehmensstrukturen aufgebaut und betonte die oftmals vorherrschenden hierarchischen strikten Strukturen und die Notwendigkeit, erfahrene Berater zielorientiert hinzuzuziehen. Wie er weiter berichtete verfügt China über kein duales Ausbildungssystem, daraus resultiert ein großes Defizit an Facharbeitern. In China herrscht im Wesentlichen die Blue/White-Color-Philosophie (Arbeiter im Blaumann oder Manager) vor. Aktuell stehen Afrika aber auch Vietnam im Focus von Expansionsstrategien, da auch China inzwischen ein gestiegenes Preisniveau verzeichnet und für deutsche Mittelständler als politisch riskant angesehen wird. Herr Dipl. Kfm. Florian Festge, Gesellschafter des Familienunternehmens HAVER & BOECKER OHG, berichtete, dass die Chinesen ihre Lebensqualität deutlich verbessern wollen und alleine daher ein großes Interesse am Umweltschutz entwickelt haben – auch hier ist die Gefahr, dass die Chinesen uns technisch überholen. Sein Wunsch: „Deutschland sollte wieder die Denkfabrik in der Welt werden“. Wettbewerbsnachteile beim deutschen Mittelstand sieht Herr Dr. Tetzlaff durch die Abkommen der ACP-Staaten (afrikanische, karibische und pazifische Staaten - nicht Indien). Diese werden für die Chinesen zukünftig Märkte ausweiten und den Zutritt verbessern.